Seid gegrüßt ihr Leut’, ich erzähl euch heut’

 

Die Mär vom bösen Wolf!

Es war einmal, im einstigen Land der Dichter und Denker, zu einer Zeit, in der mit eiskaltem Herz und harter Hand eine Patriarchin der Finanzen, die Eiskönigin, ihre Untertanen knechtete. Das Land litt unter der Last hoher Schulden, die ohne Unterlass größer wurden.

Dieser Schuldenberg wurde durch die Verschwendungssucht der Königin, des Hofstaates und der Parlamente, die mit der Organisation des Landes vertraut waren, von Tag zu Tag größer. Und während das Volk dieses Landes immer ärmer wurde und selbst bei Hungerlöhnen noch horrende Steuern auf ihr täglich‘ Brot zu entrichten hatten, lebten die Königin und ihr Hofstaat weiterhin in Saus und Braus.

Längst reichte für eine Vielzahl der Knechte und Mägde dieses Landes ein einfaches Tagwerk nicht mehr aus, um ihre Familien zu ernähren. Viele von ihnen waren gezwungen, nach einem harten Tag auf dem Felde der Arbeitswelt einer weiteren Tätigkeit nachzugehen. Und brauchten die Menschen einmal Geld, um beispielsweise eine Pacht für ihre Behausungen zu zahlen, so mussten sie sich dieses Geld bei Halsabschneidern und Wegelagerern zu hohen Zinsen leihen, unter deren Last so manch einer zerbrach.

Die Macht der Königin indes war über die Jahre so groß geworden, dass selbst die Nachbarstaaten jenseits der Grenzen ihres Landes erzitterten, wenn die Königin auf Empfängen und Regierungstreffen ihre Stimme erhob. Alle mussten den Gürtel enger schnallen, damit der Goldschatz der Königin nicht verloren ging.

Zu dieser Zeit setzte die eiskalte Königin einen neuen Repräsentanten, den bösen Wolf, an die Spitze Ihres Landes, dessen Machtstreben voll nach dem Geschmack der Königin war. Er strebte nach Reichtum wie sie, nutzte alle Gelegenheiten, um diesen zu mehren und scheute nicht davor zurück, unerwünschten Widersachern jedweden Fehler mit hoher moralischer Rede zu tadeln.

Dieser neue Repräsentant besetzte fortan ein Amt, welches zuvor von einem gutmütigen Köhlermeister ausgefüllt wurde. Aber das Herz des Köhlermeisters war zu weich und es wurde von der Macht der Königin und Ihrer Parlamente erdrückt, so dass er freiwillig das Weite suchte.

Monate gingen ins Land und der neue Repräsentant tat, was ihm aufgetragen. Er repräsentierte, lebte mit seiner Gemahlin im Luxus auf einem Schloss und mehrte seinen Reichtum. Dies tat der böse Wolf solange unbehelligt, bis er eines schönen Tages Kunde von einer Gauklergruppe vernahm, welche eine Geschichte über Ihn aufführen wollte. Diese Geschichte erzählte von einem Landsitz, welchen er sich mit dubiosen Geldgeschäften und eigentümlichen Gefälligkeiten finanziert haben soll.

Als er nun davon erfuhr, brachte dies den bösen Wolf so dermaßen in Rage, dass er dem Zeremonienmeister dieser Gauklergruppe ein persönliches Memorandum zukommen ließ, um die Aufführung des Stückes zu verhindern. Mit Krieg, Zerstörung und einer Meute blutrünstiger Juristen drohte der Wolf, aber nichts sollte helfen. Das Stück wurde gespielt und über Nacht zu einem Kassenschlager.

Alle Gauklertruppen des Landes spielten von nun an das Stück vom bösen Wolf und dieser geriet hierdurch immer mehr in Bedrängnis. Fortwährend wurden neue Verstrickungen des Wolfes auf den Bühnen des Landes aufgeführt. Zum Beispiel über die goldenen Kleider seiner Gattin, die unterdrückenden Korrespondenzen mit den Gauklern und über Geldgeschäfte mit Banken, die selbst den Betreibern dieser Geldinstitute in Erstaunen versetzte. Nicht zuletzt wurde sogar über luxuriöse Fernreisen in die Gemächer der Wirtschaftsfunktionären des Landes berichtet.

Als der Druck für den bösen Wolf immer stärker wurde, ordnete er an, einen Aushang in jede Stadt und jedes Dorf des Landes zu hängen, mit dem er seine eigenen Missetaten der Öffentlichkeit zu erklären und sich zu entschuldigen versuchte. Doch sein Ansinnen und auch der Aushang selbst waren so transparent wie das feinste Seidenpapier, so dass kein Mensch des Landes sie zu sehen vermochten.

Das einzige, was aber ein jeder im Land vernahm, war das klägliche Heulen eines Wolfes,  das verzweifelt die Aufmerksamkeit der Leute auf die Gauklergruppen zu verringern suchte.

Die Menschen im Land spotteten über die Machenschaften des Wolfs. Sie lachten und spuckten aus, wenn er ihnen auf der Straße begegnete, ja mancher zeigte ihm sogar erbost seinen Schuh. Dies geschah immer in dem Wissen, dass ein jeder von ihnen nicht einmal nur einen Bruchteil dessen hätte anstellen müssen, um anschließend im Kerker aufzuwachen und mit den Richtern und Henkern des Landes um ihre Köpfe zu feilschen.

Der Eiskönigin missfiel zwar das Gerede und Gespotte über ihren Repräsentanten, jedoch tat sie nichts, um dem ein Ende zu setzen. Zu groß war die Angst, ihre machtvolle Stellung  im Land zu verlieren. Noch hielt zwar der Schutz aus dorniger Hecke, die aus Rösleins Zweigen um ihren Regierungssitz gewachsen war, aber es zeigte sich schon das ein oder andere welke Blatt. Sie wusste zu genau, dass ein weiterer Repräsentantenwechsel des Landes sie wohl schwer anschlüge.

Und so harren sie gemeinsam aus, der böse Wolf und seine Eiskönigin, hoffend, dass nicht noch neue Machenschaften ins Rampenlicht gestellt werden. Aller Spott und Häme prallt an ihnen ab und gemeinsam warten sie auf den Tag, an dem Gras über die unsäglichen Geschichten gewachsen ist, damit sie unbehelligt weiter machen können wie zuvor.

Doch die Menschen im Land vergessen nicht mehr so schnell, die Zeit hat sich gewandelt und die Geschichte vom bösen Wolf wurde niedergeschrieben. Ein jeder erzählt fortan die Geschichte in lustiger Runde und sogar die Spatzen pfeifen es von den Dächern. So verbreiten die Menschen im Land die Mär vom bösen Wolf in alle Winkel, damit auch noch der letzte Eremit versteht, was im Lande vor sich geht.

Gute nacht Ihr lieben

Visueller Gruß

MIchi

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>