Tagchen ihr Lieben,

vor einiger Zeit kramte ich in einer alten Zigarrenkiste und dabei sind mir ein paar Fotografien in die Hände gerutscht. Diese Fotografien sind nicht nur in schönstem Schwarzweiß gehalten und uralt, nein, sie sind sogar so alt, dass ich zur Zeit ihrer Entstehung weder auf der Welt war, noch kann ich mit Bestimmtheit genau sagen, um welche Menschen es sich bei den abgebildeten Personen auf den Bildern handelt.

Ich kramte weiter, fand weitere Fotografien, diese hatten nun Farbe und ich erkannte mich selbst als Kind. Einen Moment später hatte ich dann ein Foto in den Händen, auf dem ich so ca. Anfang 30 war. Auf diesem Foto modelliere ich meinen Kopf in Gips und sehe gleichzeitig meine Spiegelbild in einem Spiegel auf dem Tisch vor mir. Ich bin sozusagen dreifach auf diesem Foto zu sehen. Dieses letzte Bild entstand während meines Studiums aufgenommen. Danach reißt die fotografische Ziellinie in meiner Kiste dann irgendwann plötzlich ab.

Nun ist es ja nicht so, dass kein Mensch mehr Fotos von mir gemacht hätte, nur liegen diese halt nicht mehr in alten, verstaubten Kisten, sondern auf Festplatten, CDs und DVDs in digitaler Form. Wer heute in Berlin auf Flohmärkten unterwegs ist, kann an diversen Ständen in verstaubten Kisten alte Bilder von fremden Menschen aus einer längst vergessenen Zeit für eine paar Euros kaufen. Wenn es in 100 Jahren noch Flohmärkte geben sollte, wird man neben diesen dann noch älteren Bildern eventuell auch mein Bild mit dem Gipskopf auf einem dieser Flohmärkte kaufen können; aber aus der Zeit danach?

Fotografien, die vor langer Zeit auf Fotopapier gebracht wurden, sind heute immer noch erstaunlich gut erhalten. Alte Filmnegative, die vor 100 Jahren belichtet wurden, können heute noch auf Fotopapier gebracht und angesehen werden. Aber bei digitalen Bildern, deren Codierung in Zukunft keiner mehr kennt oder bei dem das alte Speichermedium von keiner Maschine mehr gelesen werden kann und auch ein entsprechendes Lesegeräte nicht mehr zur Verfügung steht, ist dies nicht möglich.

Ein bestehendes Problem bei digitalen Archiven ist neben den Datenmengen auch die Verfügbarkeit der Daten unter Berücksichtigung des Zeitfaktors. Dies gilt neben der Fotografie natürlich auch für digitale Filme. Während man heute noch alte Super 8 Filme der Familie aus den 70ger Jahren in allen Projektoren abspielen und betrachten kann, kann das Abspielen der ersten Videofilme, die zu Hause entstanden sind, schon zu Problem führen, wenn das alte Aufzeichnungs- oder Abspielgerät nicht mehr vorhanden ist.

All die Bilder, die nach der „digitalen Revolution“ entstanden sind, werden dann wohl für immer verloren sein, da eine Datenbeständigkeit über viele Jahre hinweg nicht gewährleistet ist. Der Faktor Zeit bedeutet für digitale Bilddaten zwar keinen Qualitätsverlust, aber aufgrund des permanenten und extrem schnellen technischen Fortschritts können diese Daten unter Umständen nach Jahren einfach nicht mehr lesbar sein. Nur eine permanente Portierung der Daten auf die neuen Systeme kann einen Verlust dieser Daten auf einen begrenzten Zeitraum hin verhindern.

Dieser begrenzte Zeitraum ist eben genau die Zeit, in der sich aktiv um die Daten gekümmert wird. In den meisten Fällen muss diese aktive Datenpflege von den Inhabern der Daten selbst gewährleistet werden, es sei denn, es besteht ein öffentliches Interesse darin, die Daten zu erhalten. Bei neuen Systemen kann nicht automatisch von einer Kompatibilität mit älteren Systemen ausgegangen werden. Fällt der Inhaber der Daten weg werden wohl auch über kurz oder lang seine Daten unwiderruflich verloren gehen.

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Datenbeständigkeit, Datensicherung und Datenhaltung ist grundsätzlich jedem zu empfehlen, der mit digitalen Daten Umgang hat. Dieser Themenbereich ist dabei nicht nur auf Bilddaten begrenzt, sondern betrifft alle Bereiche des digitalen Lebens.

Einen Systemsprung bei der Datenhaltung kann man zu fast jeder Zeit beobachten. Beim Bewegt-Bild zum Beispiel vom Film zum Video zur DVD zur Blu-ray. Beim Ton von Lochkarten und Walzen zu Schellack und Vinyl über Magnetbänder zur CD und zum MP3 oder weiteren digitalen Formaten. Und bei auch bei der Fotografie schaut es nicht anders aus und allein schon die Insolvenz der Firma Kodak zeigt deutlich wohin die Reise geht.

Gerade beim Thema Fotografie steht im Moment wieder ein neues Speichermedium in den Startlöchern, wie es die Nikon D4 zeigt. Sollte sich dieses Speichermedium durchsetzen werden in Zukunft wohl die alten Speichermedien verschwinden. Bringt die Nikon D4 noch zwei verschiedene Kartensteckplätze mit, wird dies eine etwaige Nikon D5 dann sicher nicht mehr machen. Sollte es irgendwann auch keine Lesegeräte für diese dann veralteten Speichermedien mehr geben, dann ist wohl jedem klar, was das für die Bilddaten bedeutet, die eventuell noch ungenutzt auf den alten Speichern liegen.

Während heute noch Spuren jahrtausendealter Höhlenmalereien der Steinzeit zu finden und Ölgemälde aus der Renaissance erhalten sind, Schriften aus dem Mittelalter eine gewisse Beständigkeit haben und in Museen oder Archiven betrachtet werden können, wird wohl von der heute lebenden digitalen Gesellschaft das meiste verloren gehen, wenn kein Weg gefunden wird, ihre Zeugnisse langfristig zu erhalten.

Die Frage nach dem Nutzwert einer möglichst langen Datenerhaltung kann sich nur jeder selbst beantworten. Aber während ich hier ein Bild meiner Vorfahren in meinen Händen halte und es betrachten kann, werden Menschen im nächsten Jahrhundert genau dies mit den Bildern der Gegenwart des Jahres 2012 eventuell nicht mehr machen können.

Visueller Gruß

Michi

Eine Antwort auf Analog vs. Digital ein Daten/Zeit-Problem

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *