Tagchen,

fotografieren macht mir vor allem dann besonders viel Freude, wenn ich direkten Einfluss auf die Bilder habe. Als Pressefotograf bietet sich diese Möglichkeit leider nur seltenen. Häufiger wartet man an einem Ort auf ein Ereignis oder Personen, die man fotografieren will oder muss und drückt im richtigen Augenblick auf den Auslöser.

Dass dabei ein wirklich großartiges Bild entsteht, ist eher unwahrscheinlich und wenn doch, braucht es für eine solche Ausnahme eine gehörige Portion Glück. Pressefotografie ist für mich persönlich vor allem eins, Handwerk. Die Kreativität steht dabei leider im Hintergrund, aber Spaß macht der Job auf Grund der vielen lustigen Erlebnisse mit den anderen Kollegen trotzdem.

Aber auch in der Pressefotografie gibt es Momente in denen ich mich kreativ austoben kann. Dies kommt vornehmlich dann vor, wenn ich einen Interview Termin mit einem Künstler fotografisch begleite. Ich lerne diese Personen dann ein klein wenig persönlich kennen und kann im Anschluss an das Interview vollkommen anders an die Gestaltung und Entwicklung des Bildes herangehen.

Leider steht man aber auch in einem solchen Termin immer unter Zeitdruck. Deshalb gestaltet sich auch das „Kennenlernen“ nicht so einfach, wie ich es gerne hätte. Mein alter fieser Freund „die Zeit“ sitzt mir dabei immer voll im Nacken. Ein solcher Termin dauert oft weniger als 20 Minuten und in dieser Zeit muss alles über die Bühne gegangen sein. Die Begrüßung, das Interview und die Verabschiedung des Künstlers und parallel dazu mache ich dann meine Bilder.

Um dem Zeitdruck im Vorfeld eines solchen Termins ein kleines Stückchen entgegen zu wirken, bereite ich mich, wenn möglich, ein bisschen auf den Menschen vor, den ich fotografieren werde. Ich lese Biografien, versuche etwas über den Musikgeschmack des Künstlers herauszufinden und mache Bildrecherche, um mir einen Eindruck über das Auftreten der Person zu verschaffen. Dabei achte ich aber möglichst darauf, mich durch diese Vorarbeit nicht allzu viel beeinflussen zu lassen.

Obwohl ich fast das gesamte Interview durch meine Kamera beobachte, versuche ich im Termin niemals den Gesprächsverlauf aus den Augen zu verlieren. Wenn es passt, beteilige ich mich am Gespräch, stelle selten mal eine Frage und versuche dabei trotzdem immer so unauffällig wie möglich zu bleiben, um das Gespräch nicht unnötig zu stören.

Wenn ich fotografiere, möchte ich vor allem, dass sich die Personen vor meiner Kamera wohl fühlen. Ich möchte nicht, dass sie bei mir das Gefühl bekommen, mal wieder nur ein Objekt in der Maschinerie der Medienwelt zu sein und wieder nur ein weiterer Fotograf ein paar Bilder macht, um diese dann zu verkaufen.

Mit dem Fotografieren starte ich immer möglichst mit Beginn des Interview-Gesprächs. Wenn es die Zeit zulässt, versuche ich nach dem Interview noch einen kleinen Augenblick mit dem Künstler alleine zu verbringen, um ein paar weitere Aufnahmen zu machen. Diese letzen Minuten sind für mich meist die schönsten in einem solchen Termin.

Hier kann ich mit den zu fotografierenden Menschen arbeiten, interagieren und so gemeinsam ein Bild gestallten. Der gesamte Prozess von der Vorbereitung über das Fotografieren im Termin bis hin zur Verabschiedung des Künstlers fließt später indirekt in die Bildgestaltung in der digitale Dunkelkammer mit ein.

Die Bildgestaltung ist für mich immer sehr individuell. Viele Fotografen haben ihren eigenen ganz persönlichen Stil und dieser zieht sich dann durch fast alle Arbeiten. Das hat den Vorteil, dass in den Bildern immer eine gewisser Wiedererkennungswert des Fotografen vorhanden ist. Bei mir ist das bisher noch nicht so. In meinen Bildern von Menschen versuche ich durch die Bildgestaltung meine subjektive Wahrnehmung der Persönlichkeit des Künstlers oder die seiner Arbeit zu transportieren.

Ich bin der Ansicht, dass die Anmutung einer Fotografie, die eine Person oder eine Gruppe von Menschen abbildet, auch immer ein wenig zu dieser passen sollte. Die Veränderung der Farben, der Farbtemperatur und der Schärfe, des Kontrastes oder der Sättigung sind die Möglichkeiten, der Anmutung des Bildes seine Individualität zu verleihen.

Diese Möglichkeiten gezielt einzusetzen, um aus einer einfachen Fotografie ein Bild mit eigenem Charakter zu machen, ist für mich bei fast jedem einzelnen Bild mein oberstes Ziel. Leider erreiche ich dies Ziel nicht immer, aber ich arbeite daran, mich zu verbessern und glaube langsam auf dem richtigen Weg zu sein.

Bis zur Perfektion ist es aber auch für mich noch eine lange Reise, an der ich Euch auch in Zukunft gerne teilhaben lassen werde. Das Ziel meiner Reise habe ich mittlerweile klar vor Augen, ebenso wie ich meine Präferenzen in der Fotografie immer deutlicher vor mir sehe. Die Reiseroute hingegen ist leider noch sehr verschwommen, so dass ich heute noch nicht genau sagen kann, wie ich dieses Ziel erreichen werde.

Visueller Gruß

Michi

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