Krücken

Hallo Ihr Lieben,

der hochherbstliche Sommer; nun, ich bin ja nicht wirklich böse darum, dass es schon seit Tagen regnet. Auch, dass der Sommer dieses Jahr nicht so der Hit ist, lässt mich verhältnismäßig kalt. Sicher, das ist nicht nur purer Egoismus, sondern auch gehässig und meine Nicht-Anteilnahme am sommerlichen Wetterdesaster nur der Tatsache geschuldet, dass ich seit fast 10 Wochen ein Mobilitätsproblem habe.

Seit zwei Wochen lerne ich zwar schon wieder ohne Krücken laufen, aber damit komme ich leider nicht so schnell voran, wie ich es gerne hätte. In der erste Woche sah die Art meiner Fortbewegung an einer Krücke noch so aus, als sei ich ein einbeiniger Pirat aus Peter Pan. Jetzt, in der zweiten Woche meiner wiedererlangten Zweibeinigkeit, geht es aber schon bedeutend besser.

Am Freitag war ich noch einmal in der Charité zur letzten klinischen Kontrolle meins Knies. Der Arzt, der mich an meinem Geburtstag operierte, meinte mein Knie wäre wieder super verheilt und ich in ein paar Wochen wieder voll einsatzfähig. Ich müsste halt viel laufen üben und weiterhin regelmäßig zur Physiotherapie gehen. Das lässt mich freudig in die nahe Zukunft schauen, in der ich ja auch noch was Spannendes in Planung habe. Deshalb werde ich trainieren was das Zeug hält. Ich muss jetzt fit werden!

Ich hatte ja vor drei Wochen schon davon berichtet, dass ich eine grössere Fotoreportage in Vorbereitung habe und euch mit auf eine Reise nehmen möchte. Die Planungen hierzu nehmen langsam aber sicher konkrete Formen an. Das Ziel steht fest, die Flüge sind gebucht und auch das ein oder andere Hotelzimmer ist reserviert. Nein, ich verrate euch immer noch nicht, wohin es geht, es soll ja spannend bleiben. Ich möchte euch aber ab und an ein wenig an den Vorbereitungen teilhaben lassen und auch ein Update über den stand Planung geben.

Gedanklich packte ich letzte Woche mal meinen Fotorucksack. Dabei bemerkte ich, dass ich ganz schön was zu schleppen haben werde, wenn all das, was ich für die Reise zum Fotografieren brauche, auch im Rucksack landet. Ich muss mich also entweder einschränken, in dem was ich mitnehmen will oder in den sauren Apfel beißen und schleppen. Die Dinge, die ich unbedingt mitnehmen muss, sind natürlich die Kamera und mindestens drei meiner Objektive. Die Objektive sind das 14-24mm Weitwinkelzoom, das 24-70mm Standardzoom und mein altes 70-300mm Telezoom. Dazu kommt eventuell noch das kleine 50mm, da bin ich mir aber noch nicht wirklich sicher.

Dazu dann noch Blitz, Stativ, Ladegeräte, Filter und der ganze Kleinkram, den man so braucht, plus der Rucksack, der ja auch noch mal etwas wiegt. Alles in allem bin ich bisher und dass nur für die Fotoausrüstung schon bei ca. 7 kg. Das ist schon ganz schön Gewicht auf dem Rücken für die Dinge, die ich auf der Reise so vor habe. Bis es aber soweit ist, habe ich noch genug Zeit zum Überlegen. Ich halte euch auf dem Laufenden…

Visueller Gruß

Michi

Hallo Ihrs,

die gute Nachricht zuerst, ich lebe noch. Wurde an meinem Geburtstag wie gewünscht, perfekt anästhetisch bewusstseinsverändert, operativ versorgt, vernäht und nach zweitägiger Rekonvaleszenz am Freitag wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Wunderbar, jetzt nur noch schnell das Knie heilen lassen und ich bin wahrscheinlich in 10 Wochen wieder fit. Das ist, wenn auch nervig, irgendwie absehbar. Doof nur, dass ich mit dem rechten Bein für 6 Wochen weder auftreten noch in die Hocke gehen darf. Frei fotografieren ist so also nur bedingt möglich. Wieso ich diesen Eintrag mit „Leben unter toten Menschen“ überschrieben habe, liegt an den Dingen die ich am Wochenende vor der OP erlebt habe und die ich hier doch mal ausführen möchte.

An diesem besagtem Wochenende vor meiner OP hatten das Huhn und ich Besuch von alten Freunden aus Fulda. Ursprünglich, also noch vor meinem Knie-Ding, war dieses Wochenende als Zeitreise angelegt. Wir wollten mal wieder raven wie in den frühen 90-zigern. Geplant war hierfür am Samstag auf den Berlin Summer Rave zu gehen und am Sonntag noch das Paule Kalkbrenner Konzert in der Wuhlheide zu besuchen. Sicher, beides ist nicht wirklich mit dem zu vergleichen, was wir früher so anstellten, wenn es ums Feiern ging, aber das war erstmal nicht wichtig.

Den Berlin Summer Rave mit Krücken besuchen zu müssen war nicht wirklich lustig. Eher anstrengend und dadurch, dass ich nicht mal tanzen konnte auch langweilig. Die super organisierte Party fand in drei Hallen und einem riesigen Aussenbereich des alten Flughafen Tempelhofs statt und es war für jeden etwas dabei, der auf elektronische Musik steht.

Für 23.00 Uhr war der erste Top Act angekündigt – Marusha. In der Halle, in der sie auflegen sollte, waren schon ca. 1500 Menschen versammelt, als die Show begann. Marusha konnte technisch gesehen auch früher schon nicht wirklich gut auflegen. Gelungene Übergänge sind die Ausnahme und die Musikauswahl, nun ja, dass ist Geschmacksache. Aber, und das ist Marushas wirkliche Passion, sie machte immer ne geile Show, was das Feiervolk mit wildem Tanz und ausgelassener Stimmung honorierte. Marusha habe ich immer als Gesamtkunstwerk betrachtet, bei dem es nicht um die technische Raffinesse Ihres Sets ging. Früher war Party wenn Marusha am Plattenteller stand. Und heute?

Ja heute ist alles anders. Ich war schon mehr als verwundert über dass was ich hier beobachten musste. Eingekeilt von unzähligen Pressefotografen betritt ein Urgestein der Techno und Rave Bewegung, die Grande Dame der Plattenteller, diese riesige Bühne des Flugzeughangars. Marusha ertrinkt förmlich im Blitzlicht-Gewitter als sie mit der Show beginnt.  Die interessierten Besucher der Veranstaltung konnten die Künstlerin zu dieser Zeit hinter der Wand aus Fotografen solange nur erahnen, bis die Security nach ca. 10 Minuten den fotografierenden Mob von der Bühne geschoben bekam. Marusha versuchte nun die vor der Bühne versammelte Masse zum feiern zu bewegen. Wirklich bemüht feuerte Marusha die gaffenden Menschen an und tanzte zur Musik hinter ihren Plattentellern. Und was machten die zum Feiern gekommenen Besucher daraufhin?

Gefühlt jeder zweite hob sein Handy in die Luft, filmte, fotografierte oder schnitt die Musik als Mp3 mit. In den folgenden 30 Minuten wartete ich nun darauf, dass die Menschen vor der Bühne das machen, was man gemeinhin bei einer Party so macht, eben: Feiern, Tanzen, Toben und Spass haben. Aber nichts passierte, die Menschen standen, glotzten und machten Dinge mit Ihren Handys. Mir reichte es mit dem traurigen Anblick dessen was sich früher mal ein Rave nannte genauso, wie mit dem Rumhumpeln auf meinen Krücken. Ich machte mich mit meinem Huhn durch die Hallen auf die beschwerliche Heimreise. Unsere Besucher Sven und  Steffen blieben noch ein paar Stunden auf dem Rave, den ich ohne Krücken eventuell auch nicht so früh verlassen hätte.

Den Sonntag mit dem Paule Kalkbrenner habe ich für mich dann aber ausfallen lassen, weil ich eine weitere Großveranstaltung auf Krücken nun wirklich nicht ertragen wollte.

So das soll es erstmal gewesen sein für heute, ick meld mir wieder ….

mit visuellem Gruß

Michi

Hallo Ihr Zweibeiner,

ich als temporärer Vierbeiner habe meinen Geburtstag ja schon so einige Male nicht gefeiert. Ein Grund hierfür war, dass ich eben keinen wirklichen Grund finde, eben gerade meinen Geburtstag zu feiern. Dieses Jahr aber lasse ich es mal so richtig krachen. Ich werde mich unter ärztlicher Aufsicht mal ordentlich mit Drogen vollpumpen lassen, um danach genüsslich meinen Rausch ausschlafen zu können. Dass ich mir nebenbei den inneren Meniskus des rechten Knies wieder richten lassen kann, finde ich eine wirklich prima Sache. Natürlich war das alles genau so geplant, Geburtstage muss man ja auch planen, zumindest hört man dass immer. Ich freue mich wahnsinnig auf die nächsten Tage. Es gibt einfach nichts besseres als im Sommer in ein Krankenhaus zu gehen.

Nun aber mal Spaß beiseite, ich bin schon heftig genervt wegen meines Knieschadens. Die Diagnose Innenmeniskus Korbhenkel Riss und die Aussicht auf eine Knie OP hatten mich schon letzte Woche nicht grade zu Luftsprünge animiert, abgesehen davon, das dass mit dem springen zur Zeit sowieso nicht möglich ist. Da mache ich einmal ein bisschen Sport und bekomme direkt die Quittung dafür. Ein Bonus in Form eines gestählten Körpers wäre mir lieber gewesen. Ok, Verletzungen können passieren aber wieso muss das, was passieren kann, dann immer auch gleich mir passieren? Nun gut, ich werde es wohl überleben, ist schließlich eine Routine-Operation, aber lustig find ich es trotz dessen nicht.

Dass ich genau dann an meinem Geburtstag unters Messer komme, hätte ich jetzt nun wirklich auch  nicht erwartet. Andererseits hätte ich genauso wenig Lust darauf, dass an einem anderen Tag machen zu lassen.

Bei meinem ersten Telefonat mit der Charité sagte man mir, dass ich so in etwa zwei Wochen einen Termin für die Sprechstunde bekommen könnte und dann in weiteren 6 Wochen mit der OP dran kommen könnte. Acht Wochen, HALLO, wo leben wir denn überhaupt? Ich kann doch nicht 8 Wochen lang hier rumliegen, um dann dabei nichts machen zu können, ausser auf Krücken rumzuhampeln. Gut, ich konnte mich da durchsetzen, weil ich die richtigen Fragen gestellt und mich nicht hab abwimmeln lassen. Aber wer macht bzw. kann das schon?

Wenn ich mich hätte abwimmeln lassen wäre der Schaden im Knie wohl nicht mehr reparabel gewesen! Ich hoffe, dass andere Patienten sich genauso zur Wehr setzen können wie ich, aber ich denke eher, dass da schon so eine ganze Menge Menschen an der Termindurchsetzung scheitern. Ein wenig erschrocken über das Telefonat bin ich am Montag, den 06.06. um 9.15 Uhr in die Charité gehoppelt und hab mich dort auf eine sehr lange Wartezeit eingerichtet, weil man mich dazwischen schieben wollte.

Überraschend unerwarteter Weise lief dort dann alles sehr schnell und sauber organisiert ab. Die Ärzte waren sehr freundlich und haben bereitwillig Auskunft gegeben. Das Pflegepersonal war vorbildlich und ich um ca. 15 Uhr mit einem OP Termin für Mittwoch wieder zuhause.

Heute komm ich also unter das Messer. Ich hoffe, dass alles glatt geht und ich am Freitag wieder zu Hause bin. Schließlich will ich nächste Woche Mittwoch auf das Roger Waters Konzert, The Wall von Pink Floyd. Selbst wenn ich da mit dem Rollstuhl hin muss, ich freu mich schon über ein Jahr auf dieses Event und das lass ich mir nicht durch ein Knie versauen!

Danach werde ich wohl noch die ein oder andere Woche an der Rehabilitation zu knabbern haben aber da geht es ja dann wieder bergauf. Dann komme ich auch endlich wieder dazu, fotografierend auf die Pirsch zu gehen.

Ein visuell mit Krücken gewinkter Gruß

Michi

PS: Eventuell feiere ich nächstes Jahr mal meinen Geburtstag, ein Grund bestände dann eventuell darin, dass ich eben nicht auf dem OP-Tisch gelandet bin, mal schauen!